Nachbau von Schulen
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Um 6:40 Uhr in der Früh klingelt es bei Mark (Name geändert) an der Tür. Er öffnet die Haustür und sieht sich überrascht zwei Polizeibeamten gegenüber, die ihn direkt fragen:
“Planen Sie einen Amoklauf?”
Verdutzt fragt er, wie sie denn darauf kämen. Die Antwort, man habe einen Tipp von einer Privatperson bekommen. Was war passiert?
Es ist 2006, am 24. November. 4 Tage nach dem Amoklauf von Emsdetten. Die Republik ist geschockt und rätselt über die Motive von Bastian B. Die einen vermuten “Lebensfrust”, nachdem der Außenseiter bereits zum zweiten mal eine Klasse wiederholen musste und von seinen Mitschülern gemobbt wurde und schlagen vor mehr Schulpsychologen einzusetzen. Andere, wie Uwe Schünemann, sehen die Ursache bei “Killerspielen”. So habe der Amokläufer seine Tat ja sogar vorbereitet, in dem er seine Schule in CounterStrike nachbaute. Als Computerspieler kann man über diese Vermutung nur müde Lächeln. In fast jedem Spiel ist ein kostenloser Editor vorhanden, mit dem man neue Levels gestalten kann. Und so gut wie jeder, der solch einen mal benutzt hat, hat darin auch mal seine Schule nachgebaut. Natürlich nicht um einen Amoklauf zu planen sondern weil die Schule bei den meisten Jugendlichen ein Gebäude ist, das sie gut kennen und somit auch ohne Baupläne leicht am PC nachbauen können. Tatsächlich gespielt werden diese Karten meist nicht. Qualitativ oft noch schlecht sind sie nicht mehr als eine Art “Übungsobjekt” wenn man mit dem Mappen, dem Erstellen von Spielkarten, beginnt. So ist es auch bei Mark. In dem Forum des Spielemagazins GameStar diskutiert er über die Hintergründe des Amoklaufs und führt dabei an, wie viele andere auch, dass es doch nichts ungewöhnliches sei seine Schule virtuell nachzubauen. Kurze Zeit später findet er ein Bild “seiner” digitalen Schule in einer Bildergalerie von Spiegel Online, das dem Thema einen Artikel gewidmet hat. Ein besorgter Bürger konnte dies anscheinend mit Mark in Verbindung bringen und hat umgehend die Polizei alarmiert. Denn schließlich habe dieser ja eindeutig einen Amoklauf geplant?

Diese zwei Bilder zeigen eine Schule, die ich vor Jahren mit Freunden digital nachgebaut habe. Die Originalkarte ist zwischenzeitlich verschollen und ich habe sie bestmöglich nach dem Vorbild eines potemkinschen Dorfes rekonstruiert. Auch bei uns war natürlich nicht die Intention einen Amoklauf vorzubereiten sondern zusammen den Bau eines virtuellen Gebäudes zu realisieren. Mein Part war es in stundenlanger Arbeit Tafeln, Tische und Stühle für die Klassenräume anzufertigen. Diese konnten wir aber alle im Endeffekt nicht benutzen, da sie zuviel Details enthielten, so dass unsere Computer sie nicht mehr darstellen konnten. Letztendlich hat es nur meine Tafel in die Karte geschafft. In einigen Aspekten sind wir aber etwas von dem Vorbild abgewichen und haben ein paar Überraschungen eingebaut. So wurde man z.B., wenn man vom Dach in den Basketballkorb sprang, in einen geheimen Raum teleportiert.
Wir saßen mehrere Wochen, wenn nicht Monate, an der Karte. Ich kann gar nicht zählen wie viele Dutzend Stunden Arbeit ich investiert habe. Zumindest stehen sie in keiner Relation zu der gespielten Zeit. Ich habe die Karte nur einmal gespielt, 30 Minuten lang. Dann wurde die Karte langweilig. Uns ging es eigentlich auch nie darum uns unbedingt in der Schule virtuelle Duelle zu liefern. Die eigentliche Herausforderung war das Erstellen der Karte selbst. Und diese zu bewältigen hat uns viel Spaß gemacht. Das Nachbauen der Schule war für uns nichts anderes als ein virtueller Modellbaukasten und dass man in diesem Modell sogar virtuell rumlaufen kann ist ein netter Nebeneffekt. Mit der Vorbereitung eines Amoklaufes hat das nichts zu tun. Es plant ja auch nicht jeder Modelleisenbesitzer einen Anschlag auf einen Zug. Jetzt kann man natürlich fragen, warum es für den Modellbau unbedingt eine Schule sein muss. Es gibt ja auch andere öffentliche Gebäude, die Jugendliche kennen. Nun ja, wir haben die Schule vor Emsdetten, sogar vor Erfurt, gebaut. Und damals konnte von uns noch keiner was moralisch verwerfliches daran finden eine virtuelle Schule zu bauen. Heute, nach den Amokläufen, würde ich es nicht mehr tun.

Das zweite Bild, ebenfalls rekonstruiert, zeigt übrigens meine erste digitale Spielkarte. Es sollte ein Bunker in der Normandie sein (Nein, ich plane keinen Angriffskrieg!). Dummerweise hatte ich es nicht für nötig gehalten mal den Maßstab zu überprüfen, so dass mein Bunker eine Länge von grade mal einen halben Meter hatte. Von der Deckenhöhe mal ganz zu schweigen. Das kann man wohl wirklich als digitalen Modellbau bezeichnen.
Die Stadtoberen von Oelde, dort steht die von Mark nachgebaute Schule, kündigten an rechtliche Schritte gegen ihn einzuleiten. Dieser hat aber von sich aus die Karte bereits aus dem Internet genommen. Nach dem zehnminütigen Gespräch mit den Polizisten, aufgrund dessen er den Bus verpasste, waren diese so hilfsbereit Mark zum Bahnhof zu fahren.
