Hitman
zurück | Moral | Hitman | Gothic | Bioshock
Diskussion zwischen dem Redakteur Christian Schmidt des PC-Magazins GameStar und dem Leser Jan Rawski:
Kommentar von Christian Schmidt zu “Hitman”:
“Diese Serie bringt mich um den Verstand. IO, ihr habt so viele Ideen, und ihr könnt Spannung erzeugen. Aber warum muss ich einen Mörder spielen? Ich mag einfach keine Unschuldigen von hinten strangulieren, ich mag keine Frauen erschießen, die mich beim Töten beobachtet haben. Es dreht mir jedes mal dem Magen um. Warum bringt ihr mich dazu, dass ich mich selbst verachte – oder einfach abstumpfe? So toll das Spiel sein mag: kaltblütiges Ermorden von Unschuldigen darf keine Unterhaltung sein.”
Leserbrief:
“Ich bin ein Hitman. Nein, ich habe keine Glatze, und unglaublich aber wahr: Ich habe noch nicht einmal jemanden umgebracht! Das habe ich auch nicht vor, und daher tue ich es virtuell.
Schon seit Hitman 2 ist mir aufgefallen, dass eigentlich kein Mensch zu erkennen scheint, worum es im Spiel geht, vor allem nicht in eurer Redaktion. Schon damals schriebt ihr, dass man sich einfach durchballern könnte. Und im aktuellen Test kritisiert doch einer von euren Neulingen den moralischen Standpunkt des Spiels.
Nun, als selbsternannter Meister des lautlosen Killens habe ich Hitman 2, Contracts und nun auch Blood Money komplett als Silent Assassin durchgespielt, die ersten bei den davon sogar auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad. Ihr redet davon, dass man die Wachen lautlos töten und verstecken müsse. Und vor allem ist es schlimm, dass man Zivilisten töten muss… hm?! Wovon zur Hölle redet ihr überhaupt? Ich habe seit Teil 2 nicht einen einzigen Zivilisten, ja nicht einmal eine Wache getötet! Ich schleiche mich durch, betäube ein, zwei Feinde, und die Zielpersonen sterben ohne Krach. Bevor jemand meine Anwesenheit bemerkt hat, bin ich verschwunden. Darum geht es bei Hitman! Beobachte, lerne, denke. Aber ihr versteht es nicht.
Moral… der Hitman MUSS nur Drogenbarone, Mafiosi, Mörder, Zuhälter, Pädophile usw. töten. Mal ehrlich, in anderen Spielen töten wir Menschen, weil sie zufällig Soldaten sind, das ist aber okay… hier töten wir den Abschaum der Welt, und das ist schlimm? Wegen Marketing-Fehlern wird Hitman mit Spielen wie GTA, Postal oder Manhunt in eine Schublade gesteckt, wo man Unmoralisches tun MUSS! Hitman hat ein falsches Image. Ich habe in der gesamten Hitman-Reihe weniger Menschen, getötet als im ersten Level von Call of Duty. Ich will nie wieder solch lächerliche Vorwürfe hören wie »Warum zwingt ihr mich zum Töten, IO?« oder »Morden von Unschuldigen darf keine Unterhaltung sein«, obwohl man das nur tun muss, wenn man zu schwach ist, richtig vorzugehen. Das ist arm… und merkt’s euch: Nicht IO tötet die Zivilisten, – ihr tut es! [...]“
Antwort von Christian Schmidt:
“Hitman ist ein taktisches Spiel, das dem Spieler weitgehende Handlungsfreiheit lässt – und damit auch eine moralische Wahlfreiheit, denn jeder entscheidet selbst, ob er tötet, wie er tötet, und was ihm dieser Mord bedeutet. Das macht Hitman zu einem anspruchsvollen, erwachsenen Titel.
Diese Wahlfreiheit bleibt unvollständig, denn Hitman ist eine Mörder-Simulation. Die Zielpersonen müssen liquidiert werden. Das »Die Ziele sind böse Menschen«-Feigenblatt ist dabei nichts weiter als eine moralische Entmündigung, denn das Spiel nimmt mir das Urteil vorweg, ohne dass ich mir ein eigenes bilden darf.
Deshalb fehlt Hitman die entscheidende Freiheit, nämlich die der Gnade. Das Spiel verwendet erstaunlich viel Energie darauf, seine Opfer menschlich wirken zu lassen – der Parkbesitzer entpuppt sich als armseliger Trottel, der Drogenbaron als anrührender Cellist. Wozu das? Ich bekomme Mitleid mit diesen Personen; aber die Wahl, sie zu verschonen habe ich nicht. So bringt Hitman mich dazu, mich selbst zu verachten. Die Welt von Hitman ist eine friedliche, in die der Spieler die Aggression trägt – das unterscheidet sie vom Shooter, in dem die Gegner angreifen und der Held um sein Leben kämpft. Sicher, Hitman »belohnt« leises Vorgehen durch höheres Blutgeld. Aber die Spielmechanik unterstützt die blutigen Varianten, weil sie einfacher sind und ebenfalls zum Ziel führen. Wie ein Spiel Belohnungen und Bestrafungen einsetzt, bestimmt, wie die Spieler handeln. Hitman färbt die Welt aus der Sicht eines Mörders um: Jeder Gegenstand ist nur insofern wertvoll, als er potenziell aggressiv eingesetzt werden kann. Man könnte argumentieren, der Überfluss an Gewaltangeboten sei nur dazu da; ihrem Einsatz zu widerstehen – eine moralische Feuerprobe sozusagen. Aber das hat nichts mehr mit der Spielintention zu tun. Das Angebot von Hitman ist es, mit dem Töten zu experimentieren, um die effektivste Methode zu entdecken. Dass das in der Regel die unblutigste ist, macht das Spiel nicht weniger perfide.”
