Krieg
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Viele Videospiele haben ein Setting, das mit der Realität nur wenig gemein hat. Der Spieler hält Dutzende Treffer aus, hat unendlich viele Leben und bekämpft groteske Kreaturen in phantastischen Welten. Der Gedanke, dass hier gesammelte “Erfahrungen” auch auf reale Sachverhalte übertragen werden, erscheint recht abwegig. Andere Spiele, die zum Teil vom Militär unterstützt werden, bedienen sich bei historischen oder aktuellen Konflikten. Die Vermutung, dass hier schleichend auch ideologische Botschaften vermittelt werden können, ist nicht allzu fernliegend. So werden auch vom Politologen und Journalisten Rainer Fromm entsprechende Vorwürfe erhoben:
“Computerspiele sind heutzutage virtuelle Tarnkappenbomber, die eine junge Generation auch geistig militarisieren.”
Dieser Gedanke ist im Grunde nicht sonderlich neu: Schließlich werden bereits seit Jahrzehnten Hollywoodfilme mit Unterstützung des US-Militärs gedreht, wenn dafür im Gegenzug die Drehbücher nach den Vorstellungen der Militärs umgeschrieben werden. Um die Vermittlung von Ideologien durch Medien aufzuzeigen muss man sich aber nicht bis zum US-Militär vorwagen. So bemängelt die der FDP nahestehende Friedrich-Naumann-Stiftung in Studien, dass in deutschen Schulbüchern „die Darstellung wirtschaftlicher Themen jedoch bedauernswert einseitig, marktkritisch gefärbt und oft unsachlich emotionalisierend“ erfolgt. Andererseits gehört der FDP zu 50 % die Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung, deren Unterrichtsmaterialien Atomenergie in ein besseres Licht rücken sollen. Aber zurück zu den Spielen, die sich – anders als die erwähnten Unterrichtsmaterialien – nicht an Kinder richten. Es wird von Kritikern oft vergessen, dass Spiele nicht nur platten „Hurrapatriotismus“ bieten. Erfahrungen, die man in den Spielen wie “Operation Flashpoint“ sammelt, lassen „Krieg“ nicht immer gut aussehen. Schließlich wird in Videospielen nicht nur virtuell „getötet“, sondern auch virtuell „gestorben“.
Speziell in den realistischeren Videospielen wie „Operation Flashpoint“ gemachte Erfahrungen (Das „auf dem Ursprungsspiel […] basierende System wird als ,,VirtualBattleFieldSystem” (VBS) vertrieben. Kunden des VBS sind unter anderem das US Militär und der SecretService […].“ – Polizei & Wissenschaft 1/2007 S. 53.) werden die Spieler kaum zum Militär treiben. Wenn man erlebt, wie der eigentliche Plan an den Tatsachen scheitert und man am Ende nur noch um sein Überleben kämpft, kommt kein großes Vertrauen in militärische Strategen auf. Auch ist der eigene Tod meist nicht die Ausnahme sondern die Regel – ohne die Möglichkeit zwischendurch zu speichern, um nach einem Fehltritt das Spiel wieder zu laden, würde man nicht weit kommen. In „Operation Flashpoint“ merkt man also recht schnell, dass das eigene Überleben oft nur vom Zufall abhängt und man in manchen ausweglosen Situationen schlicht verloren hat. Speziell im Addon „Resistance“, in dem man in die Rolle eines Widerstandskämpfers schlüpft, wird auch das Vertrauen in scheinbar überlegenes militärisches Gerät nicht gerade gestärkt. Nach etlichen Angriffen auf Konvois, bei denen man mit am Straßenrand versteckten Sprengladungen selbst Kampfpanzer unschädlich macht, verabschiedet man sich auch von dem Glauben in solch einem Vehikel „sicher“ zu sein. Was zurückbleibt ist der Eindruck, dass kriegerische Szenarien einem im Spiel zwar den einen oder anderen Adrenalinschub verschaffen können, einem real aber bessere Orte einfallen, an denen man sich wiederfinden möchte.
Ein weiterer Punkt ist, dass man in „Operation Flashpoint“ im Grunde nur mit solchen Verhaltensweisen eine Chance auf Überleben hat, die einem real vors Kriegsgericht bringen würden. So habe ich mich – wenn man mit seinem Zug durchs Gelände marschiert ist – stetig zurückfallen lassen um im Falle eines Angriffes leichter in Deckung gehen oder in den nächsten Wald abhauen zu können. Dass ich mit diesem Verhalten keine Ausnahme darstelle, zeigt ein Blick auf Tipps, die online angeboten werden. So heißt es dort beispielsweise:
„So remember rule A (“If you wanna grow old, stay out of the road.”) and hide in the western woods, the others will die anyway.“
Oder:
“So take cover and let the others do most of the work. No heroics, understand?”
Die Befürchtung des “Kölner Aufrufs”, dass Videospiele “aktives Kriegstraining” seien um den Spieler zum Soldaten auszubilden, kann vor diesem Hintergrund kaum überzeugen. In „Operation Flashpoint” eignet man sich zwar die erwähnten Verhaltensweisen an, die einem im Spiel weiterbringen. Aber mit Befehls- und Arbeitsverweigerung sowie Fahnenflucht dürfte dies real nicht die Art von „Kriegstraining“ sein, die sich das Militär für Soldaten wünscht. Natürlich kämpft man auch in „Operation Flashpoint“, jedoch oft unter konsequenter Missachtung der Befehle von Vorgesetzten und üblichen militärischen Taktiken, da diese einem einfach zu selbstmörderisch erscheinen.
