Gewalt

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Videospielen wird oft vorgeworfen, dass sie Gewalt zur Unterhaltung missbrauchen und somit den gesellschaftlichen Werten der Bundesrepublik Deutschland entgegenstehen würden. So führt auch der Journalist Rainer Fromm zu seiner Motivation, über Computerspiele kritisch zu berichten, Folgendes aus:

“Ich glaube, dass eine Elterngeneration [...] eigentlich pazifistisch ist: Sie ist aufgeschlossen, man ist tolerant, man ist anti-rassistisch, man ist offen, man ist liberal. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. [...] Was es wirklich ist, was diesen pazifistischen Grundkonsens, schon noch in der Familie aufhebt, ist, wenn man plötzlich sieht, wie jemand mit Begeisterung Atombomben verschießt, wenn plötzlich jemand mit Begeisterung GI spielt, sich im Dschungel durchkämpft, auf Vietkongs ballert oder im 2. Weltkrieg auf der Seite der Deutschen wieder Schlachten verliert, die die Nazis zum Glück auch verloren haben.”

Nun, was soll ich sagen, Videospiele unterhalten tatsächlich mit virtuellen Darstellungen fiktiver Gewalt. Aber warum ist es verwerflich virtuell Kriege nachzuspielen, aber real ok? Ich habe früher, wie viele andere in ihrer Kindheit wohl auch, mit Playmobil gespielt. Da gibt es unter anderem auch Kreuzritter und Belagerungstürme, mit denen man die Eroberung von Städten spielen kann. Kennen Sie Texte von der Eroberung Jerusalems?

 

“Zur selben Stunde [...] flohen die Verteidiger von den Mauern durch die Stadt, und die Unsrigen folgten ihnen und trieben sie vor sich her, sie tötend und niedermetzelnd, bis zum Tempel Salomos, wo es ein solches Blutbad gab, daß die Unsrigen bis zu den Knöcheln im Blut wateten…
Nachdem die Unsrigen die Heiden endlich zu Boden geschlagen hatten durcheilten die Kreuzfahrer die ganze Stadt und rafften Gold und Silber. Dann, glücklich und vor Freude weinend, gingen die Unsrigen hin, um das Grab Unseres Erlösers zu verehren, und entledigten sich Ihm gegenüber ihrer Dankesschuld.”

(Unbekannter Chronist)


(Bildquelle)

Auch “Schiffe versenken” ist ein beliebtes Spiel, mit dem ich viel Zeit verbracht habe. Jedem sollte dabei klar sein, dass es hier um eine Seeschlacht geht. Das Bild links zeigt die Explosion des Schlachtkreuzers HMS Queen Mary während der Skagerrakschlacht. Dabei kamen starben 1266 Besatzungsmitglieder, nur 9 überlebten. Auf der rechten Seite sieht man einen Ausschnitt aus der SAT1-Show “VOLLTREFFER! – Schiffeversenken XXL”, in der “Schiffeversenken” als mediales Vergnügen für die ganze Familie inszeniert wurde.

 

Wie kann man es einerseits zulassen, dass in Kinderzimmer Massaker nachgespielt werden und im Fernsehen tausendfaches Leid zum Highlight des Abends wird, aber andererseits bei Gewaltdarstellungen in Videospielen von einem “Tabubruch” sprechen? Bei Playmobil stellen gewaltätige Szenarien ja auch keine Ausnahme dar. So gibt es neben Kreuzrittern auch amerikanische Kavallerie und Indianer - Der Begriff “Wounded Knee” sollte nicht erläutert werden müssen. Aktuell gibt es bei Playmobil auch eine Arena mit Gladiatoren im Angebot. Allein im Kolosseum sind nach Schätzungen bis zu 500 000 Menschen abgeschlachtet worden. Also Massenmord im Kinderzimmer? Warum drängen sich diese Vergleiche nur bei Videospielen auf, aber nicht bei Playmobil? Was macht aus einem Kinderspiel ein Killerspiel?

Wenn es also um das Verbot von Videospielen geht soll man nicht fadenscheinige Argumente, wie das eines Gewalttabus in der Unterhaltung, vorschieben. Bezüglich der bewiesenen Folgen sehen Wissenschaftler keinen Handlungsbedarf. Wenn es den Politikern darum geht Spiele zu verbieten, weil sie als Kriegsspielzeug geschmacklos sind, sollen sie das auch sagen. Aber dann müsste man, wenn man konsequent ist, auch die anderen Formen von Kriegsunterhaltung verbieten. Spielzeug, Filme, und Bücher.

Zum Beispiel die von Karl May, die ich in meiner Kindheit ebenfalls gelesen habe. Dort schlägt z.B. ein Beduine mit dem Knauf seiner Peitsche seinem Pferd ein Auge aus, um es zum schnelleren Laufen anzutreiben. Bei solchen und ähnlichen Textstellen können einem durchaus Zweifel bekommen, ob dies ein angemesser Inhalt für Kinder ist. Auch die unten stehende Textstelle ist nicht ohne. Sie stammt aus “Old Surehand II”.

“Dann geht es. Wir schießen mit Glas, Nägeln und altem Eisen; das wirkt furchtbar. [...] Beim Scheine der Feuer erblickte der alte Franzesco die fünfzig eng beisammenstehenden Comantschen; sie befanden sich kaum fünfzehn Ellen von ihm entfernt. Sein Schuß krachte und war bei dieser Nähe von einer fürchterlichen Wirkung. Der ganze Haufen schien zusammenzubrechen; es entstand ein wirrer Knäul von am Boden ringenden Gestalten, dessen Auflösung so lange Zeit dauerte, daß Francesco Zeit erhielt, wieder zu laden. Sein zweiter Schuß hatte ganz dieselbe Wirkung. [...] Franzesco hatte mit seinen gut gezielten Schüssen den Platz rasiert; Indianerleiche lag an Indianerleiche; [...]. Die erlegten Indianer lagen in einem weiten Bogen um die Hacienda zerstreut umher, und es war bereits jetzt während der Dunkelheit anzunehmen, daß ihrer weit über hundert gefallen seien. [...] »Seht diese Haufen, Sennor,« sagte der alte Franzesco, indem er auf die vor dem Portale hoch über einander liegenden Indianer deutete, »das ist das Werk meiner Kanone. Dieses zerhackte Eisen und Blei und diese Glassplitter wirken schrecklich. Die Körper sind förmlich zerrissen.« [...] »Wir sind noch nicht fertig,« meinte Büffelstirn. »Was ist noch zu thun?« fragte der Haciendero. »Wir müssen den Rest der Comantschen auch vertilgen.”

Oftmals wird behauptet, dass die Gewalt in Videospielen schlimmer als die in Büchern beschriebene sei, da man dort ja die Gewalt nur lesen und nicht sehen kann. Ich halte es dagegen auch für denkbar, dass das Gegenteil der Fall seim könnte. In einem Videospiel sehe ich Polygon-Figuren, bei denen die Gewaltdarstellung oft sehr unwirklich oder übertrieben wirkt. Man sieht diese Gewalt und nicht mehr. Bei Büchern wird hingegen nur der grobe Rahmen beschrieben. Die Bilder entstehen während des Lesens im Kopf des Lesenden. Und diese können, dank der unbegrenzten Fantasie, sehr viel schlimmer sein, als ein Videospiel jemals sein könnte.

Doch um selbst bei scheinbar “kindgerechter” Unterhaltung auf Gewalt zu treffen, braucht man sich nicht auf das 20. Jahrhundert zu beschränken. Weitaus explizitere Gewalt wird in Märchen beschrieben. So heißt es beispielsweise bei ”Die drei Männlein im Walde”:

“Nun war der König in großer Freude, er hielt aber die Königin in einer Kammer verborgen bis auf den Sonntag, wo das Kind getauft werden sollte. Und als es getauft war, sprach er: “Was gehört einem Menschen, der den anderen aus dem Bett trägt und ins Wasser wirft?” “Nichts Besseres,” antwortete die Alte, “als dass man den Bösewicht in ein Fass steckt, das mit Nägeln ausgeschlagen ist, und den Berg hinab ins Wasser rollt.” Da sagte der König “du hast dein Urteil gesprochen,” ließ ein solches Fass holen und die Alte mit ihrer Tochter hineinstecken, dann ward der Boden zugehämmert und das Fass bergab gekullert, bis es in den Fluss rollte.”

Eine grausamere Szene wird man in Videospielen vergeblich suchen. Und dass tollste ist auch noch, dass diese Art der Bestrafung der Alten, mitsamt der Tochter, als “weise” und “gerechte” Entscheidung des Königs dargestellt wurde, da er sie ja ihre Strafe selbst wählen ließ. So ist es für Gamer nur schwer nachvollziehbar, warum virtuelle Darstellung fiktiver Gewalt – die ohnehin zum größten Teil nur Erwachsenen zugänglich gemacht werden dürfen – einen Tabubruch darstellen sollen, wo doch ähnliche Inhalte selbst in Kinderzimmern als Unterhaltung gang und gäbe sind. Zum Abschluss noch das Ende von “Aschenputtel” und ein Teil von “Die zwölf Brüder”: