Killerspiele
Killerspiele | Reale | Virtuelle
Der in den Medien allgegenwärtige Diskurs um sogenannte „Killerspiele“ hat bei Pädagogen, Bürgern, Politikern und Talkmastern seine Spuren hinterlassen. Wenn über Jugendprojekte berichtet wird stellt man positiv heraus, dass Jugend „mehr als Komasaufen und Killerspiele“ sei. Wenn Johannes B. Kerner über Onlinespiele spricht stellt er klar, dass es sich hierbei eben nicht um „Killerspiele“ handeln würde, die „als traurige Vorlage dienen, für schlimme Dinge, die in der Welt passieren“. Selbst in Tageszeitungen wissen Lehrer zu berichten, dass nicht jeder, der CounterStrike spielt, Amok laufe aber jeder Amokläufer CounterStrike gespielt habe.
“Killerspiel” ist ein gebräuchliches Schlagwort geworden, dass gerne genutzt wird um auf die scheinbar verrohte Jugend und zweifelhafte Freizeitbeschäftigungen hinzuweisen. Schließlich würden diese Spiele ja speziell von Außenseitern gespielt, die sich aus der Gesellschaft zurückziehen und in virtuelle Scheinwelten flüchten. So fordert auch Bundespräsident Horst Köhler, dass man denjenigen helfen solle, „die sich in medialen Scheinwelten verfangen haben und aus eigener Kraft nicht mehr zurückfinden“. An manchen Punkten bekommt dieses stimmige Bild jedoch Brüche. So verkündete nach Winnenden der Polizeisprecher Ralf Michelfelder, dass der Täter „auch die typischen Spiele, die in das Raster eines Amokläufers passen“, gespielt habe. Auf der Pressekonferenz wurde dagegen angegeben, „dass er sich auch mit Gewaltspielen beschäftigt hat, wie es viele Jugendliche in diesem Alter tun“. Kann das stimmen? Ist es für Jugendliche gewöhnlich sich mit „amoktypischen“ Videospielen zu befassen? Oder kann man von der Nutzung derartige Spiele doch nicht ohne Weiteres auf die Möglichkeit eines Amoklaufs schließen?
Diese und weitere Zusammenhänge, die man gerne in Bezug auf gewaltdarstellende Videospiele postuliert, werden auf den folgenden Seiten dargestellt und kritisch geprüft. Hierbei kann am Ende nicht immer ein eindeutiges Ergebnis stehen, denn solch eine Aussage ist oftmals weder möglich noch sachgerecht. Nichtsdestotrotz sollten die Texte einen kleinen Blick auf die Hintergründe gestatten und vielleicht auch einige Vorwürfe, denen gewaltdarstellende Videospiele regelmäßig ausgesetzt sind, entkräften.
So gibt bereits der Begriff „Killerspiele“ Rätsel auf. Auch wenn er von manchen Politikern und Wissenschaftlern beinahe wie ein Fachwort benutzt wird, erschließt sich der Inhalt nicht ohne Weiteres. Wörtlich genommen und als Determinativkomposita verstanden wäre ein „Killerspiel“ ein Spiel, das durch “Killern” gespielt wird – was möglich aber nicht bei jedem Spiel zutreffend wäre. Den Terminus „Killerspiel“ könnte man aber auch als ein Possessivkompositum verstehen, bei dem „Killer“ metaphorisch auf eine dem Spiel zugeschriebene Eigenschaft hinweist. Das Wort „Killerspiel“ lässt hierbei wohl nicht zufällig die Interpretationsmöglichkeit zu, dass virtuell reales „Killen“ eingeübt werde, wie es von Politikern, z.B. Edmund Stoiber, regelmäßig behauptet wird: „Killerspiele gehören in Deutschland verboten. Sie animieren Jugendliche, andere Menschen zu töten.“. Die Verwendung des Begriffs „Killerspiel“ zielt daher weniger auf ein konkretes Spiel sondern vielmehr auf den befürchteten Zusammenhang mit realen Gewalttaten ab. Er beschreibt daher kein Spiel (-genre) sondern eine Anklage.
Die Etymologie des Wortes „Killerspiel“ bestätigt diese Feststellung. Ursprünglich wurden nicht Videospiele sondern Geländespiele - also quasi reale “Killerspiele” – als “Killerspiele” bezeichnet. In Bezug auf Videospiele wurde der Begriff “Killerspiele” erstmals – dokumentiert – 1993 vom Spiegel verwendet.
