Abstinenz statt Kompetenz

12. Mai 2012 um 10:15 von Patrik Schönfeldt | 20 Kommentare » RSS feed

(FAZ) Was geschieht, wenn die Eltern aus einer Familie ohne Fernseher ihrem neunjährigen Kind spontan einen Nintendo 3DS kaufen? Dieses Szenario wurde in der vergangenen Woche von Marcus Jauer im Feuilleton der FAZ beschrieben. Sein Text liest sich auf den ersten Blick wie ein Erfahrungsbericht.

Da in der nächsten Zeit keine größeren Feste bevor standen habe man dem Kind seinen Wunsch außer der Reihe erfüllen wollen. Dem Kind versprach man zu schauen, wo das Gerät am günstigsten ist, um es dann dort zu kaufen. Weil den Eltern dann aber am Samstagnachmittag eine dreitägige Wartezeit wegen zehn Euro Preisdifferenz „willkürlich“ erschienen, wurde diese Herangehensweise schon beim nächsten Händler wieder verworfen. Stattdessen würden einige (neue) Regeln an die Anschaffung geknüpft – deren Einhaltung dann aber schon von Beginn an nicht durchgesetzt wurde. Stattdessen wird geklagt, das Kind spiele „nur noch“. Als dann das erste Spiel langweilig wird, soll sich das Kind zunächst mit seinem Taschengeld am nächsten Beteiligen. Das aber „dauert so lange“, sodass stattdessen wieder „Bedingungen“ aufgestellt werden.

Während das Kind am Sonntag in der Früh an einem Mariokart-Turnier über das Internet Teil nimmt, fordern die Eltern es auf, sofort zum Essen zu kommen. Es erwidert, der Wettkampf dauere nur noch fünf Minuten, momentan könne es sehr schlecht aussteigen. Um sich (offenbar zum ersten Mal!) intensiver mit der Medienerziehung ihres Sprösslings auseinander zu setzen, schauen die beiden erziehungsberechtigten in ein Elternforum. Ihr Eindruck lässt vermuten, wie es um das Vertrauensverhältnis zum eigenen Kind bestellt ist: „Es war, als hätten sich die Kinder abgesprochen (…). Womöglich war das sogar die Wahrheit.

Nach Dutzenden nur in den Raum gestellten, aber niemals durchgesetzten Regeln und „Bedingungen“ merken sie, dass sie erleben, was auch andere Eltern beschreiben. Damit ist dann auch geklärt, wer die Schuld trägt: „Nintendo, deren Produkte mir verbotswürdig erscheinen wie Drogen. Selten habe ich einen solchen Hass auf ein technisches Gerät empfunden.“ Als Konsequenz wird dem Kind „das Ding“ weg genommen. Nun liest es endlich wieder Bücher (an nur einem Wochenende durch). Zumindest ist der Vater seinem Sohn nicht ganz fremd, er entdeckt sich selbst: Er „wollte immer nur noch die eine E-Mail schreiben, den einen Artikel lesen. Es hört nie auf. Aber ein Kind soll das stoppen.

Was dieser Text nun sein will – Bericht aus den Augen eines Medienhassers oder eher Schuldeingeständnis eigener Inkonsequenz – wird nicht klar. Vielleicht ist auch es nur die (neuerliche) Kapitulation vor der Medienerziehung, die sich ebenfalls in der Verbannung des Fernsehapparates andeutet. Eines wird der Autor aber auf keinen Fall erreichen: Eltern für die Mediennutzung ihrer Kinder interessieren.

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  1. Activ[E|H]ate

    Ja, das ist daneben :-/

    Jetzt habe ich selbst keine Kinder, von daher leicht Reden.
    Aber ist das wirklich so schwer, bei den eigenen Regeln konsequent zu sein?
    Mir will das nicht in den Kopf!
    Hatte als Kind auch mit Regeln und Einschränkungen im Bezug auf Mediennutzung zu leben.
    Natürlich nicht immer zu 100 % konsequent, aber doch in der absoluten Überzahl.

    Ich verstehe diese Menschen nicht…

  2. Crusader

    Die konsequente Einhaltung von Regeln muss nicht nur gelernt, sondern auch vorgelebt werden und das ist nun mal eine Gemeinschaftsaufgabe der gesamten Familie. Wenn tatsächlich jemand glaubt, bei einer neuen Sache, wie einer Konsole, reicht ein “Nein, das darfst du nicht”, dann ist er naiv. Doch wie so oft ist es leichter, die Schuld bei Anderen (=Nintendo!) zu suchen.

  3. Pyri

    Und dann heißt es in einem Vortrag von Herrn Pfeiffer, dass Nintendo bloß “Mäusekino” wäre http://www.zvw.de/inhalt.amoklauf-winnenden-prof-dr-christian-pfeiffer-die-jungen-werden-vernachlaessigt.64e1e590-3620-4f0b-8972-e1a2434fa08b.html Und süchtig würden die “großen PC-Bildschirme” machen
    Was jetzt – also Eltern werden letztlich so doch wieder nur allein gelassen…

  4. Greees

    Kleiner Tipp: Es heißt “Feuilleton”.

  5. Green Ninja

    @Greees: Also muss man es nicht ernst nehmen? Ich hab den Artikel nicht gelesen, klingt aber schon nach schierer Unfähigkeit seitens der Eltern.

  6. maSu

    man ist der Artikel ein grenzenloser Stuss. Musste da schnell mal ein Loch gefüllt werden? So ein Schrott ist selbst für Journalisten schon unterirdisch…

  7. slanny

    Hier der Artikel nochmal zum nachlesen:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/sucht-und-technik-game-over-11739865.html

  8. Soldat-Hans

    Kenne das Problem noch aus meiner Kindheit mit dem Sega. Es war schon früher ziemlich doof, wenn du das Spiel beendet hattest, musstest du von vorne beginnen. Hätte mir zumindest ne fortsetzen möglichkeit gewünscht.

  9. Mars

    Ich war länger nicht mehr hier, jetzt weiß ich auch warum. Leute, bitte lest den Artikel selber. Der Autor hier scheint mir den Text nicht verstanden zu haben. Nein, stattdessen schießt man lieber gegen alles, was einem oberflächlich nicht passt (wie die Kritiker übrigens). Die Regeln, die sich in der Familie entwickeln müssen, die kritischen Gedanken über sich am Schluss…
    Oder man könnte auf so Sätze verweisen wie “am Ende kamen wir immer wieder nur darauf zurück, dass wir die Eltern waren und dass wir es selbst regeln mussten.” die hier natürlich mal wieder nicht zitiert wurden. Sorry, aber Stigma ist inzwischen die Bild der Websites geworden.

  10. Rey

    Auch wenn der Text nicht von mir ist: Ich glaube der Autor hat den FAZ Text mehr verstanden als du. Ja: Dort wird zumindest erkannt, dass die Eltern für die Erziehung und die (Medien-) Bildung ihrer Kinder selbst verantwortlich sind. Doch anstatt dass dieser Aufgabe nachgekommen wird entscheidet man sich einfach dazu das Kind von diesen Dingen fernzuhalten: Abstinenz statt Kompetenz. Der von dir zitierte Satz findet sich im übrigen auch nicht gerade am Ende. Wenn du schon meinst, dass das Niveau hier derart am Boden liegt wäre es dann nicht sinnvoll, wenn du es nicht weiter herabziehen würdest, sondern versuchen würdest, es zu heben? Danke.

  11. kuemmel

    Also wenn ich es schaffe ein Buch am Wochenende durchzulesen, dann sind meine Eltern nicht da. Ich bin 20 und rede durchaus mit meinen Eltern.

    Armes Kind.

  12. Green Ninja

    So, hab den Artikel gelesen. Mein Fazit: Die sind doof.
    .
    Jetzt mal im Ernst, ich weiß ja nicht, wie ernst dieser Artikel gemeint ist, aber mindestens 2 der 3 Personen um die es in diesem Artikel geht haben keine Ahnung. Zugegeben, ich habe keine Kinder, aber es kann doch nicht so schwer sein, sich mal genauer mit der Technik auseinander zu setzen, oder? Nachkucken was es mit dem speichern auf sich hat. Wenn er online spielt kann er natürlich nicht einfach aufhören ohne seine Punkte zu verlieren. Wenn er offline spielt, reicht es, das Gerät zuzuklappen.
    Und dann dieser Schluss, als hätten sie ihm den Teufel Videospiele mit der Macht der Bücher ausgetrieben. X_X

  13. Pyri im Hotel

    Ich lese das mit der Selbstregulierung durchaus auch als Vorwurf an den Staat, dass man da allein gelassen wird als Eltern: dass dieses Teufelszeug sozusagen weiterhin am Markt bleiben wird und ein Angebot dieser Gefahr fuer Kinder damit auch nicht verschwinden. Und diese stereotypische Buecherverehrung haengt glaub ich vor allem damit zusammen, dass Games halt immer noch nicht als Medien mit positiven Inhalten wahrgenommen werden.

  14. Patrik Schönfeldt

    Der Text ist von mir und ich muss zugeben, einige Aspekte nicht erwähnt zu haben. Unter anderem den 3DS aus Ton und dass sie die Konsole nicht komplett weggenommen haben, sondern sie ihrem Kind von Zeit zu Zeit noch überlassen. Allerdings ist auch zu sagen, dass gerade der letzte Abschnitt mit einer eigenen Überschrift («Und was war eigentlich mit uns?») etwas anders wirkt als im Print. Den Artikel hier habe ich nämlich auf Basis des Printartikels – der hat keine Zwischenüberschriften – verfasst. Mit der so vorgenommenen Einteilung gehe ich davon aus, dass der Autor des FAZ-Textes mehr Wert als von mir zunächst angenommen auf seinen Ansatz der Selbstreflexion gelegt hat. Vielleicht hatte er sogar vor, ein versöhnliches Ende zu finden. Beides gelingt aber nicht: Die «Regeln, die sich in der Familie entwickeln müssen», wie Mars sie nennt, bestehen aus wegnehmen. Und das müssen, wie Pyri es schon sagt, die Eltern nur machen, «weil sich ja sonst niemand kümmert». Im Grunde wird der Text noch schlimmer, wenn man den Versuch eines versöhnlichen Endes unterstellt.

  15. amegas

    Was anderes von Marcus Jauer
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/2.1781/spielzeug-der-grosse-dreh-1593699.html

    “Kleine japanische Kreisel mit Namen „Beyblades“ sind bei Jungen im Moment das beliebteste Spielzeug überhaupt. Wie konnte das passieren? Reise in eine Parallelgesellschaft, die hinter der Kinderzimmertür beginnt.”

  16. Tobrise

    Bei dem Artikel und den Erziehungsmethoden der Eltern rollen sich mir die Fußnägel hoch! Da werden Regeln und Grenzen vereinbart und Minuten später gebrochen. Ich habe 2 Jungs, ich weiß wovon ich rede. Ein 9 Jähriger der so eine Konsole bekommt und keine klaren Regeln gesetzt bekommt DIE AUCH DURCHGESETZT WERDEN wird selbstverständlich daddeln bis er schwarz wird. Das ist nicht der Fehler der Konsole sonder der Eltern! Genauso würde es sich doch mit Süßigkeiten verhalten. Wer Kindern keine klaren Grenzen setzt UND die auch durchsetzt der steht bald vor einem leeren Süßigkeitenschrank.

  17. The Sorrel

    Können diese Leute bitte auf andere Weise demonstrieren, dass sie damit überfordert sind, ihr eigenes Kind zu verstehen?

  18. skully

    Typische aus den Fingern gesogene frei erfundene “Antigaming Horror Geschichte”, Kind spielt in der Früh nach dem Aufstehen Videospiele, bitte nach dem Aufstehen dürfen die Reflexe wohl kaum besonders schnell sein, auch nicht bei einem Kind. Von der reiserischen Aufmache “Sucht und Technik Game Over” einmal ganz zu schweigen. Wenn wir eine 2. Bildzeitung haben das wohl die FAZ.

  19. Aginor

    @Skully: So ein Schwachsinn, ich habe als Kind auch morgens gespielt. Alles eine Frage der Motivation.
    Und die FAZ mit der Bild zu vergleichen ist einfach lächerlich. Da kommen vorher noch Spiegel, Fokus, Berliner Zeitung, Pforzheimer Zeitung (bei der weiss ich es weil ich in der Nähe wohne), XXXXX-Zeitung (quasi alle lokalen Zeitungen) bevor die FAZ überhaupt in Betracht kommt.
    -
    Dein Kommentar ist also (wie immer) komplett überzogen.
    Dennoch stimme ich Deiner restlichen Aussage zu.
    -
    Gruß
    Aginor

  20. w00t zum Sonntag | Superlevel

    [...] Den Anfang macht erneut ein deutscher Text: Im folgenden FAZ-Artikel beschreibt Marcus Jauer den Leidensweg verzweifelter Eltern, deren Sohn nach dem Kauf eines Nintendo 3DS zum “Zombie” verkommen ist. Gescheiterte Erziehungsmaßnahmen oder die Machenschaften der bösartigen Spieleindustrie? (Patrik Schönfeldt schrieb dazu bei Stigma Videospiele ein schönes Follow-up.) [...]