Presserat: „taz-Fail“ als Meinungsäußerung zulässig

3. März 2012 um 14:43 von Rey Alp | 14 Kommentare » RSS feed

Letztes Jahr veröffentlichte die taz ein Streitgespräch zwischen Ute Pannen und dem Kriminologen Christian Pfeiffer, in dem der Interviewende eine Tatsachenbehauptung unterbrachte, die nicht ganz der Wahrheit entspricht:

Frau Pannen, Herr Pfeiffer, alle Täter bei Schulmassakern haben Ego-Shooter gespielt, meistens exzessiv.“

Entgegen der Äußerung des Autors trifft es jedoch nicht zu, dass „alle Täter bei Schulmassakern […] Ego-Shooter gespielt“ haben:

- Tatsächlich sind Amokläufe an Schulen kein neues Phänomen, sondern finden bereits seit 1973 statt. Sie begannen also schon zu einem Zeitpunkt, als es das Genre der Ego-Shooter noch gar nicht gab.

- Aber auch danach gingen Schulmassaker nicht zwingend mit der Nutzung von Ego-Shootern einher. Von 37 vom United States Secret Services untersuchten School-Shootings fand mit 26 der Großteil zwischen 1992 und 2001 statt – einem Zeitraum, in dem mit Ego-Shooter an Popularität gewannen. Nichtsdestotrotz konnte nur bei 12 % der Täter ein Interesse an gewaltdarstellenden Videospielen festgestellt werden.

- Auch nach 2001 hat bei weitem nicht jeder Täter gewaltdarstellende Videospiele genutzt, wie Blacksburg (2007), Ansbach (2009) und St. Augustin (2009) zeigen:

Im offiziellen Bericht zu Blacksburg wird festgestellt, dass der Täter nur in seiner Kindheit Videospiele genutzt hat, jedoch keine gewalthaltigen. Später habe er schließlich überhaupt nicht mehr gespielt:

He was enrolled in a Tae Kwon Do program for awhile, watched TV, and played video games like Sonic the Hedgehog. None of the video games were war games or had violent themes.”

Cho’s roommate never saw him play video games.”

The only activities Cho engaged in were studying, sleeping, and downloading music. He never saw him play a video game, which he thought strange since he and most other students play them.”

Bei Ansbach kann auf die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft verwiesen werden, über den SPON folgendes zu berichten weiß:

Die Ermittler betonten ausdrücklich, im Besitz des Amokläufers hätten sich nach bisherigem Erkenntnisstand keine sogenannten Killerspiele oder indizierten Horrorfilme befunden.”

Im Fall von Sankt Augustin wurde ein Gerichtssprecher von der Süddeutschen wie folgt zitiert:

Hinweise auf einen Konsum von gewaltverherrlichenden Computerspielen, wie es bei anderen Amoktätern der Fall war, habe der erste Verhandlungstag vor dem Bonner Landgericht nicht ergeben, sagte ein Gerichtssprecher.”

Zusammenfassend gab es somit vor 1992, zwischen 1992 und 2001 und auch nach 2001 (zuletzt 2009) Fälle, in denen Täter entgegen den Ausführungen der taz keine Ego-Shooter genutzt haben. Christian Füller verteidigte seinen Artikel, wobei er den Umstand ausblendet, dass auch nach 2001 eine Reihe von Tätern bei Schulmassakern ohne Ego-Shooter auskamen:

Sie zitieren eine Studie, die Shootings zwischen 1974 und 2001 auflistet. [...] 37 an der Zahl. Seitdem gab es ein Vielzahl. Warum verschweigen Sie, was seitdem geschah – seit einer Zeit mithin, als die Ego Shooter ihren eigentlichen Boom erlebten. Wir haben leider keine Zeit, die Literatur so akribisch wie einseitig zu verfolgen wie Sie. Aber wir verwiesen [...] auf den wesentlichsten Fakt: An keiner Stelle in dem Streitgespräch wird das behauptet, was sie insinuieren: Dass es ein 1:1-Ursache-Wirk-verhältnis Zwischen Ego Shootern und ausgeführten Massakern gebe.“

Der Presserat gibt ihm nun – ebenfalls unter Ausblendung der Realität – recht:

Nach unserer Auffassung ist die in der Angangsfrage getroffene Feststellung eine zulässige Beurteilung der Redaktion. Diese bezieht sich dabei offensichtlich auf die in den letzten zehn Jahren aufgetretenen Fälle. Die Aussage ist im konkreten Fall weniger als redaktionelle Tatsachenbehauptung, sondern als Meinungsäußerung des Interviewers zu beurteilen.“

Somit findet sich die fragliche Angabe weitherhin im online abrufbaren Interview wieder:

Zum Artikel

  1. Crusader

    Merke:
    Schreibe als Wissenschaftler eine solche Aussage wie im taz-Interview und du bist unseriös, weil du a) pauschalisierst und b) deine Aussage nicht belegst.
    Schreibe sie als Journalist und es ist deine legitime Meinung.

  2. Booomboy

    tja und einige von euch wunderten euch, weshalb ich dafür bin die Pressefreiheit neu zu gestalten und für genau solche fälle wie diesen enge grenzen aufzubauen.
    hierran sieht man doch sehr deutlich, dass sich die branche des journalismus jedes recht nimmt und oder sich jedes recht so zurecht rückt, dass sie behaupten und beschuldigen
    können was und wen sie wollen.
    warum ist das so?
    2 Antworten:
    A: Weil sie es können – was zu B führt
    B: Weil sie keinerlei Konsequenzen zu fürchten haben.
    und genau das muss korrigiert werden.

  3. John Shepard

    Die taz ist das linke Pendant zum Stürmer, aktuell werfen sie dem designierten Bundespräsidenten Gauck mit abenteuerlichen Argumenten vor den Holocaust zu verharmlosen. Eine Schande, dass so etwas offen am Kiosk ausliegen darf.

  4. Crusader

    Godwin’s Law mal wieder aktiv…

  5. Modgamers

    John hat die Diskussion verloren…

  6. purchaser

    … und wegen solcher Verlierer lohnt sich die Seite auch nicht mehr.

  7. Darkstar

    Sogar Jürgen Trittin, alles andere als ein Konservativer, wirft der taz Schweinejournalismus vor:
    http://www.youtube.com/watch?v=ZjMMTzNQoUs

    Man muss auch nicht immer gleich Godwins Law schreien sobald das Wort “Holocaust” auftaucht…

  8. kuemmel

    Anstatt das Ganze auf den wesentlichen Nenner zu bringen, dass auch in der letzten Zeit nicht alle(wenn man das so schon schreiben will) diese Spiele gespielt haben, versteckt man sich in Formalitäten.

    Ein Kommentar von Hassknecht käme hier nicht schlecht – allerdings könnte man das dann nicht mehr Satire, sondern brutale Realität nennen.

    Einen schnellen Untergang wuensche ich dem heutigen Journalismus in Deutschland, wenn er sich nicht mehr an die eigens aufgestellten Regeln halten kann und Schüler, Studenten und Menschen mit Hobbies dieses Ding besser bringen.

  9. “So what?” Kommentar bei “Stigma Videospiele” | Der Almrausch

    [...] Kommentar:‘@Darkstar Ich denke Probleme damit haben auch beständig eher jene welche überhaupt auf dieses angebliche Internet-Gesetz hinweisen. Da mit nichts konfrontiert werden wollen. Wer meint glauben sagen zu sollen dass so jemand eine Debatte (bereits) “verloren” hätte spricht aus meiner Sicht ohnehin mit einem äußerst fragwürdigen Demokratieverständnis. – Zur eigentlichen News: ich konnte mich über diese Nachrichten hier auch früher eigentlich nur wundern. Was wird von Journalismus auch (anders) erwartet? Der Artikel hier spricht andauernd von richtig oder falsch – tut mir leid, aber genau darum kann es beim ganzen Diskurs über Video- und/oder “Killer”spiele doch gleich schonmal gar nicht gehen. Nicht um Fakten, sondern eben immer nur Meinungen, Wahrnehmungen, Werte und Normen. Wieso wird – das werfe ich auch dem VDVC vor – nicht wenigstens versucht das anzusprechen: wenn sich andere schon hinter angeblicher Wissenschaft und Forschung bei dem Thema verstecken? Die Seite notorischer Spielekritik das bereits ausgiebig tut. Weshalb wird die taz oder sonst wer nicht gerade dafür kritisiert, dass sie zum Beispiel solche Behauptungen (auch) aufstellt. Nein, stattdessen wird – aus meiner Sicht völlig absurder Weise – probiert diese Behauptungen (durch Tatsachen, Fakten wie auch immer das gesehen werden möchte) zu widerlegen. Glaubt man so wirklich Videospielen zu helfen? Wenn man sie schon nicht (im Einzelfall) verteidigen möchte? Warum diese Rückzugsposition gleich immer? Der Artikel hier besschwichtigt doch bestenfalls bloß: ja gut, vielleicht haben nicht alle Mörder (alles Männer!) Videospiele gepielt, aber zumindest doch sehr viele. So what?’ Sharen mit:TwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser post gefällt. [...]

  10. Pyri

    @Darkstar
    Ich denke Probleme damit haben auch beständig eher jene welche überhaupt auf dieses angebliche Internet-Gesetz hinweisen. Da mit nichts konfrontiert werden wollen.
    Wer meint glauben sagen zu sollen dass so jemand eine Debatte (bereits) “verloren” hätte spricht aus meiner Sicht ohnehin mit einem äußerst fragwürdigen Demokratieverständnis.
    -
    Zur eigentlichen News: ich konnte mich über diese Nachrichten hier auch früher eigentlich nur wundern.
    Was wird von Journalismus auch (anders) erwartet? Der Artikel hier spricht andauernd von richtig oder falsch – tut mir leid, aber genau darum kann es beim ganzen Diskurs über Video- und/oder “Killer”spiele doch gleich schonmal gar nicht gehen. Nicht um Fakten, sondern eben immer nur Meinungen, Wahrnehmungen, Werte und Normen.
    Wieso wird – das werfe ich auch dem VDVC vor – nicht wenigstens versucht das anzusprechen: wenn sich andere schon hinter angeblicher Wissenschaft und Forschung bei dem Thema verstecken? Die Seite notorischer Spielekritik das bereits ausgiebig tut.
    Weshalb wird die taz oder sonst wer nicht gerade dafür kritisiert, dass sie zum Beispiel solche Behauptungen (auch) aufstellt. Nein, stattdessen wird – aus meiner Sicht völlig absurder Weise – probiert diese Behauptungen (durch Tatsachen, Fakten wie auch immer das gesehen werden möchte) zu widerlegen. Glaubt man so wirklich Videospielen zu helfen?
    Wenn man sie schon nicht (im Einzelfall) verteidigen möchte? Warum diese Rückzugsposition gleich immer?
    Der Artikel hier besschwichtigt doch bestenfalls bloß: ja gut, vielleicht haben nicht alle Mörder (alles Männer!) Videospiele gepielt, aber zumindest doch sehr viele. So what?

  11. maSu

    „Die Aussage ist im konkreten Fall weniger als redaktionelle Tatsachenbehauptung, sondern als Meinungsäußerung des Interviewers zu beurteilen.“
    -
    Man merke: Die dt. Journalisten und ihr zahnloser Presserat-Tiger (das Ding, das bei der Bild wohl vor dem Kamin liegt…) sind nicht in der Lage, Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen korrekt als solche zu erkennen.
    Wenn jemand sagt: “Der Mond ist aus Käse”, dann ist das auch im Interview eine unwahre(!) Tatsachenbehauptung (=Lüge) und keine verdammte Meinungsäußerung. Sowas weiß jeder, der erfolgreich in die 5. oder 6. Klasse gekommen ist.
    -
    Ich bin mal wieder schockiert über das mangelhafte Bildungsniveau der Presse und ihrer vermeintlichen Kontrollorgane!

  12. Alreech

    die taz ist eine Zeitung mit einer Mission und einer klaren ethischen Haltung.
    Wenn da Fakten nicht passen, dann werden sie eben passend gemacht.
    Nicht das der Spiegel da besser ist…

  13. Crusader

    @Darkstar:
    Nicht wegen Holocaust, sondern wegen dem Stürmer-Vergleich von J.S. ;)

  14. Links fürs Wochenende

    [...] Presserat: „taz-Fail“ als Meinungsäußerung zulässig [...]