Lesehinweis

18. Februar 2012 um 13:49 von Rey Alp | 13 Kommentare » RSS feed

(krawall.de)

André Peschke, Gewalt kann schön sein, krawall.de v. 17.02.2012.

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  1. buzzti

    “„Es gibt Aspekte der Darstellung, manche physikalische Simulationen zum Beispiel, die sich um ein Abbild der Realität bemühen. Aber wir machen ein Unterhaltungsprodukt. Das Letzte was wir wollen ist die Leute anzuwidern. Es ist daher wichtig, bestimmte Grenzen nicht zu überschreiten“, sagt uns folgerichtig Michael Capps von Epic im Interview.”
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    “„Die Soundeffekte darf man in diesem Zusammenhang nicht unterschätzen“, meint zum Beispiel Yosuke Hayashi, „Wenn ein Gegner stirbt, dann vermittelt er das auch durch einen Schrei. Aber sobald dieses Geräusch echten Schmerz, echtes Leid zu überzeugend vermittelt, ist das dem Spieler extrem unangenehm, obwohl er ja weiß, dass das „nicht echt“ ist“.”
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    Und mal wieder bezeichnen die Kreativen ihre Arbeit als “Unterhaltungsprodukt”, wollen beim Spieler nicht anecken, keine “unangenehmen” Reaktionen auslösen und nicht “anwidern”…
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    Würde so ein Schriftsteller über sein Buch reden?

  2. kuemmel

    Das Medium ist noch zu jung. Die Spannung noch zu gespannt, als dass man schon von wirklicher Kunst reden kann. Nicht zuletzt handelt es sich bei der Spielemacherei auch um eine Industrie.

    Vielleicht wird meine Generation oder die nächste ja anfangen Spiele etwas respektvoller zu behandeln. Es gibt ja immer wieder Projekte mit Kunstanspruch.

  3. Pyri

    @buzzti
    Hoffentlich nicht. Als ich vor ein paar Stunden den Artikel gelesen habe waren meine Hände die meiste vor meinem Gesicht. Und ich musste mich schon wieder sehr bemühen hier meinen Unmut nicht erneut reinzuschreiben. Als das schlimmste Zitat was ich las empfind ich übrigens folgendes: ‘Jörg von Brincken: “Einen Sinn für Schönheit – auch im Schrecklichen – zu entwickeln, ist eine wichtige Aufgabe für einen kultivierten Menschen”.’
    Was mich an dem Artikel am meisten gestört hat ist der beständige Drang scheinbar sich für seinen eigenen Geschmack so womöglich zu entschuldigen. Gefragt wird etwa ja nicht, weshalb da eine Freude an Gewaltdarstellungen gar “krank” sein soll zum Beispiel.
    Und Mike Capps, hab vorher echt noch nie von “Michael Capps” gelesen, ist ja der Präsident von Epic. Und hat vor zehn Jahren unter anderem “America’s Army” gemacht. Das notorische Werbespiel und Rekrutierungstool für die US-Armee. Mag sein, dass er sich dabei auch gewissermaßen in einer Tradition von Robert (sic!) Kotick sieht, der ja auch nicht unbedingt als feinsinniger Künstler, sondern eher als skrupelloser Geschäftsmann bekannt ist. Noch dazu macht Epic traditionell auch eher (melodramatische) Wohlfühl-Spiele, mit vor allem komödiantischem Charakter. Ihren Kreativdirektor, Herrn Bleszinski, betrachte ich ja allein schon als unterhaltsamen Komiker.
    @kuemmel
    Ich glaub schonmal nicht dass Capps für seine ganze Belegschaft überhaupt sprechen kann – geschweige denn für Millionen RezipientInnen seiner (vermeintlich seiner!) “Produkte”…

  4. Egozid

    ach stigma…
    toller artikel, wie ich finde. mehr sag ich lieber nicht dazu.

  5. Rey

    Mir gefällt er auch. Ja, er beschränkt sich darauf, dass virtuelle Darstellungen von Gewalt ästethisch oder spielerisch sinnvoll sein können und zeigt deutlich, dass man Gewalt als Gewalt gar nicht darstellen will bzw. diese dem Spieler nicht zumuten möchte, doch auch solche Inhalte haben ihre “Daseinsberechtigung”.

  6. Vicarocha

    Im Lichte der sonstigen Artikel zu solchen Themen, war dieser hier ganz nett (ungeachtet der Einwände, die man hier der ein oder anderen – den meisten – Äußerungen der dort vorkommenden Personen entgegenbringen kann… ich teile da Pyris Kritik z.T.). Aber nur ganz kurz, weil ich in ein paar Minuten den Rest des Abends weg sein werde… @ kuemmel:
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    Drei Fragen zur Selbstreflexion:
    1.) Was ist der Unterschied zwischen “wirklicher Kunst” und der intrinsischen Kunstform Computerspiel?
    2.) Sind “industrielle” (z.B. monetäre) Interessen ein Antonym der Kunst?
    3.) Ist der (artikulierte) “Kunstanspruch” des/der Künstler (resp. ihre Selbst als Künstler) notwendige Bedingung der Klassifikation eines Werkes als Kunstwerk (s. insb. Pyris diesbzgl. Kommentar)?

  7. Pyri

    @Vicarocha
    Ich denke es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine bestimmte Doktrin in der Wahrnehmung von mehr oder weniger normabweichenden Medien gibt welche Gewaltdarstellungen so immer wieder irgendwie als affirmativ gemeint interpretiert, weshalb gerade im deutschsprachigen Raum auch so häufig Reden über eine angebliche Verherrlichung von Krieg zum Beispiel angestrengt werden. Andere Sichtweisen dementsprechend nahe gelegt wird “krank” zu sein, also “für Gewalt”, etc. Ich streite bloß ab, dass es bei Gewalt positiv überhaupt um Schönheit oder Faszination zum Beispiel ginge, sondern eher immer mit um Abscheu, Ekel, ein sich-abwenden, sogar um Zurückweisung von Gewalt. Repulsion halt. Meine Position deckt sich da vollständig mit der von Janet Murray bei Bloomberg http://www.iac.gatech.edu/news-and-events/story?id=63237
    Darum ging es mir. Darauf wollte ich hinweisen – niemanden zu nahe treten.

  8. Vicarocha

    @ Pyri:
    Ich glaube, ich war da der falsche Adressat. Ich gehe da mit dir größtenteils konform, die Unterschiede bei uns sind da – sofern man das überhaupt am geschriebenen Wort festmachen kann – maximal gradueller Art, was die (Artikulation der) persönliche(n) Involviertheit betrifft. ;-)
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    Hmmm… ich hätte dennoch den Bloomberg-Artikel gerne gelesen, aber: “The article you’re looking for is no longer available”

  9. Andre

    Herrschaften,

    als Autor des Artikels ist mir daran gelegen, eure Kritik besser zu verstehen.

    Pyri: Sprichst du Gewaltdarstellungen grundsätzlich positive ästhetische Qualitäten ab? Klingt so, kann ich mir aber nicht vorstellen. :)

    Grundsätzlich: Der Artikel befasst sich ja nur mit einem Teilbereich des größeren Themas “Gewaltdarstellungen in Spielen” und insofern ist die Schlussfolgerung, Entwickler wollten grundsätzlich mit der Gewalt nicht “anecken” zumindest auf Basis des Artikels nicht zutreffend, finde ich. “Dead Space” z.B. benutzt die Gewalt ja eher in Horror-Tradition um zu schockieren und die Entwickler von Visceral haben ja bisher einen Hang zu grenzüberschreitenden Elementen bewiesen wie z.B. die Verwendung von Kindern und Babys als “Bauteile” ihrer Monster. Dort war es auch ereklärtes Ziel, den Spieler (auch) anzuwidern (daher auch das mehr oder minder “berüchtigte” Studium von Unfallopfern durch die Designer etc).

    Viele Grüße,
    Andre
    KGN

  10. lanzelotz

    @ buzzti
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    Und mal wieder bezeichnen die Kreativen ihre Arbeit als “Unterhaltungsprodukt”, wollen beim Spieler nicht anecken, keine “unangenehmen” Reaktionen auslösen und nicht “anwidern”…-

    Aber Diablo 3, Gears of War 3 und Ninja Gaiden 3 sind nunmal v.a Unterhaltungsprodukte und ich persönlich würde es auch nicht anders wollen. Warum also nicht so benennen. Diese Produkte sind für einen Massenmarkt ausgelegt und so zu sagen mainstream tauglích.
    Bücher und Filme sind andere Medien, da kann ein bestimmter Abschnitt (des Buches oder Filmes) bzw. der ganze Film verstörend und unangenehm sein (der Film läuft ja auch meist nur 90min).
    Spiele sind anders, haben oft eine längere Laufzeit und gewalttätige Auseinandersetzungen sind meist der Hauptbestandteil des Spieles (im Gegensatz zu Film und Buch). Wären diese Auseinandersetzungen die ganze Zeit unangenehm und verstörend, wer würde das spielen wollen? Ein Spieldesigner muss nunmal den Spielspass (und die angepeilten Erfolg des Spieles) im Auge behalten. Das gilt natürlich nicht für sog. Indie-Spiele, die sich zum Glück die Freiheit nehme können auch mal verstörend zu sein.
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    Versörende Levels, Situationen in Spielen sind auch mir willkommen. Aber wenn ich ein Spiel über 20-30 Stunden spielen will, soll es bitte nicht die ganze Zeit unangenehm sein.

  11. The Cruel

    Da finde ich die hierzulande besclagnahmten Spieleserien Condemned und Manhunt wohl eher als passende Beispele in sachen Spass an Gewalt. Ist auch kein Wunder wieso sie hier verboten wurden: Man kann mit Fäusten, diversen Utensilien wie Krücken und Baseballschlägern, Schusswaffen, interaktiven Stellen in der Umgebung und Finishern (Spezialangriffen)so richtig hart sein und das leid der Anderen daran kosten lassen. Selbst als Opfer stehen die Chancen übelst Fetzen zu machen nicht Schlecht finde ich. Als Gorehound find ich diesen Beitrag sehr hilfreich um die, die über mich nur Vorurteile in Kopf haben darüber mal was schlau zu machen.

  12. Alreech

    Hm, ich habe das Buch American Psycho auch öfters angewidert weggelegt – und dann doch zu Ende gelesen, weil es einfach gut ist.

  13. Pyri

    @Andre
    Mir geht es darum zu sagen, dass explizite Gewalt eher nicht auf Schönheit sondern Schrecken hinweist.
    Ja, der Einsatz von Blut oder Gedärm bei Mensch, Getier und fiktiven Wesen wird mehr hergeben als saubere Darstellungen wie in “Super Mario 64″ zum Beispiel, wo es dann bei der USK etwa heißt, dass USK-0-Titel ohne explizite Gewalt gleich gar keine Gewalt “beinhalten” würden, oder ein Carsten Görig der beim Spiegel behauptete dass bei “Rayman” keine Gewalt vorhanden wäre.
    Das stimmt zwar, aber: so wie Shigeru Miyamoto sagt er wolle Spiele machen worin sich Menschen wohlfühlen (können), wird es für mich dem hingegen so sein, dass explizite Gewaltdarstellungen das eben eher nicht haben wollen, also etwa eher schon verstören werden/sollen und deshalb bereits affektorientierte Körperdarstellungen einsetzen. Spaß machen, Freude, können Gewaltdarstellungen so oder so. Bei “Super Mario” wie in “Manhunt”.
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    Ressentiments gegen Gewaltdarstellungen können aus meiner Sicht aber so leicht dekonstruiert werden, da sie sich oft auch eher nur gegen eine bestimmte Form von Gewalt richten. Anders ist es natürlich bei Leuten wie Werner Glogauer der auch Cartoons verurteilt hat, wenn er etwa behauptete “Die Simpsons” diffamierten eine westliche Zivilisation, die werden noch viel weitergehend sozusagen andersgelagerte kulturelle Vorstellungen haben: Normen imaginieren und dabei Anderes halt leider auch ausgrenzen. Diskriminieren, nicht tolerieren (wollen) – weil sie es ja auch als “gefährlich” gedachte “Gewalt” auffassen.
    Ich möchte ihnen diese Ideen auch nicht nehmen, aber wenn sie es anderen politisch aufzwingen wollen genau so zu sehen, über Studien aus “Wissenschaft und Forschung” die zusammen mit diversen Verschwörungstheorien bis hin zu Antisemitismus reichen, wenn ein Dave Grossman etwa zustimmt, dass die Welt einer “unpatrotischen Clique” auch von Israel aus über eine Financial Community unterstützt werden würde. Dabei geht es auch um eine negative Beziehung zum Fremden: so mag für Glogauer ein Melodramen rezitierender Dietrich Fischer-Dieskau eher für diese Zivilisation stehen als ein Matt Groening, aber Matt Groening entstammt nunmal auch einem Westen. Also sind etwa nicht bloß traditionelle Opernarien Teil dieser, wenn man so will unserer, Kultur, sondern halt auch die US-amerikanischen “Simpsons” etc. Und ebenso sind “Call of Duty” oder Sasha Grey Teil davon.
    Und deshalb sehe ich einen Verein wie “Mediengewalt” auch als demokratiegefährdend an. Über Leute wie Sabine Schiffer sind da auch konkrete Verbindungen zu iranischer Medien- und Kulturpolitik in gewisser Hinsicht schon vorhanden.
    Und Leuten wie der Frau Stürmer mit “Mehr Waffen” werfe ich auch Geschichtsvergessenheit vor: da muss ich gar nicht auf ihren Namen verweisen, einfach bloß vielleicht sagen “Computerspiel” mal durch etwas anderes ersetzen – wie “Literatur”.
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    @Vicarocha
    Bloomberg ist ja nicht für wissenschaftliche Publikationen bekannt, sondern eher für den Börsen-Ticker ;-) Also nein, mein Link zu der Uni da war wohl schon alles von Murray für die Zeitung. Ihr Buch “Hamlet on the Holodeck” ist für ein Verständnis von Ausdrucksformen neuerer Medien immer noch lesenswert wie ich finde. Das war einfach so eine Rundfrage von der einen Journalistin glaub ich, wie es aus den frühen 80ern beim Spiegel wohl auch mal mit Sherry Turkle beim Spiegel in Deutschland gemacht wurde. Mehr gibts da nicht und der Rest des Artikels dürfte von der Uni schon immer falsch verlinkt wurden sein: hier – http://www.bloomberg.com/news/2010-12-16/mafia-victim-families-complain-as-violent-video-games-increase.html